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Das Kamasutra – Geschichte & moderne Bedeutung

Das Kamasutra ist kein Bilderbuch von Stellungen. Es ist ein philosophisches Werk über Liebe, Partnerschaft und das gute Leben – und wird seit 150 Jahren im Westen gründlich missverstanden.

Wer war Vatsyayana?

Das Kamasutra wurde vermutlich zwischen 200 und 400 n. Chr. vom indischen Gelehrten Vatsyayana verfasst. Er war Brahmane, lebte wahrscheinlich in Pataliputra (heute Patna), und sein Werk ist eine Kompilation älterer Texte, die bis dahin mündlich überliefert wurden.

Der Name ‚Kamasutra‘ setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: Kama bedeutet Begehren, Liebe, Lust – und ist eines der vier Lebensziele der hinduistischen Philosophie. Sutra heißt ‚Faden‘ oder ‚Leitfaden‘, im übertragenen Sinn ein Lehrtext.

Was steht wirklich drin?

Das Kamasutra hat sieben Bücher. Davon befasst sich nur das zweite Buch mit sexuellen Praktiken – und auch das nicht ausschließlich mit Stellungen. Es behandelt Küsse, Bisse, Kratzen, Liebesspiele und erst zuletzt die berühmten Stellungen, von denen es rund 64 beschreibt.

Die anderen sechs Bücher sind mindestens ebenso wichtig:

Die sieben Bücher des Kamasutra:

Die westliche Fehlrezeption

Die erste englische Übersetzung durch Richard Burton im Jahr 1883 konzentrierte sich auf die sexuellen Passagen und strich oder verkürzte die philosophischen Teile. Zugleich wurde das Werk in viktorianischer Zeit als ‚exotische Erotik‘ verkauft – ein Rahmen, der bis heute nachwirkt.

Das ist der Grund, warum viele Menschen das Kamasutra für eine Sammlung akrobatischer Sexstellungen halten. Die Realität: Nur etwa zehn Prozent des Werks behandelt Stellungen – und die meisten davon sind weit weniger akrobatisch, als die illustrierten Ausgaben suggerieren.

Vatsyayana betrachtet Sexualität als kultivierbare Lebenskunst – gleichwertig mit Pflichterfüllung (Dharma), Wohlstand (Artha) und spirituellem Streben (Moksha). Sex als Teil eines gelingenden Lebens, nicht als Tabu und nicht als Akrobatik.

Moderne Bedeutung

Was lässt sich aus dem Kamasutra für heute gewinnen? Drei Dinge:

Langsamkeit. Vatsyayana schreibt über die Notwendigkeit, Zeit mit dem Partner zu verbringen, sich kennenzulernen, das Vorspiel ernst zu nehmen. Die moderne Dauer-Erregung durch Pornografie lässt diese Langsamkeit verlernen – das Kamasutra ist Gegenmittel.

Wertschätzung der Partnerschaft. Der Text beschreibt detailliert, wie Partner miteinander umgehen sollen – außerhalb des Betts. Die Haltung ist: Gute Partnerschaft ist die Grundlage guter Sexualität, nicht umgekehrt.

Sexualität als Bildung. Das Kamasutra behandelt Sex als etwas, das man lernt – wie Musik, Kochen oder eine Sprache. Das ist eine Perspektive, die im Westen fehlt: die Idee, dass man in Sex besser werden kann, wenn man sich bewusst damit beschäftigt.

Kamasutra und Tantra – der Unterschied

Oft werden beide Traditionen vermischt. Sie sind aber nicht dasselbe.

Kamasutra ist ein profaner Text über Liebeskunst, Partnerschaft und gesellschaftliches Verhalten. Es ist weder spirituell noch religiös – es ist Lebensratgeber.

Tantra hingegen ist eine spirituelle Tradition, in der Sexualität als Weg zur Transzendenz verstanden wird. Die körperliche Vereinigung ist Symbol und Praxis der Vereinigung von Shiva und Shakti, männlichem und weiblichem Prinzip.

Die Yab-Yum-Stellung etwa ist tantrisch, nicht aus dem Kamasutra. Die Missionarsstellung ist nicht tantrisch, sondern aus dem Kamasutra (Purushayita).

Häufige Fragen

Wie viele Stellungen gibt es im Kamasutra?
Etwa 64 – der Zahl kommt im indischen Denken besondere Bedeutung zu. Aber Achtung: Viele der 64 sind Variationen weniger Grundstellungen, keine völlig unterschiedlichen Positionen.
Ist das Kamasutra ein religiöser Text?
Nein. Es ist weltlich. Der Hinduismus kennt zwar den Begriff Kama als Lebensziel, das Kamasutra selbst ist aber kein heiliger Text.
Wann wurde das Kamasutra geschrieben?
Vermutlich zwischen 200 und 400 n. Chr. Genaue Datierungen sind schwierig, weil Vatsyayana ältere mündliche Traditionen zusammengefasst hat.
Ist das Kamasutra dasselbe wie Tantra?
Nein. Kamasutra ist profaner Liebesratgeber, Tantra ist spirituelle Tradition. Sie überschneiden sich thematisch, haben aber unterschiedliche Ursprünge und Ziele.

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